Die agile Szene um Lesebühnen und Slam Poetry hat vergangenen Herbst eine »Zeitschrift für komische Literatur« entbunden: Sie hört auf den Namen Exot, da der Mensch – so wollen es die Herausgeber – ein solcher sei. Einleuchtender ist da schon die Stoßrichtung des Unternehmens: Weil genug Publikationen den »ehrenwerten Pfad der Satire« beschreiten und die Bühne »nur den schnellen Witz« fordert, versprechen Macher und Autoren die »Verbindung von Bühnenkomik und Literatur«; was allerdings auch zur Folge hat, daß das Heft mit seinen achtzig Seiten bislang nur über ausgewählte Vorlese-foren der Republik vertrieben wird.
Den Schwerpunkt der ersten (und bisher einzigen) Ausgabe bildet erwartungsgemäß die komische Kurzprosa, ist sie Länge und Handlungsbogen betreffend doch am geeignetsten zur Deklamation. Aus diesem Segment möchte ich Micha Ebeling vom Berliner »Liebe statt Drogen«-Ensemble lobend herausgreifen, der an Ausdrucksfülle und Klang möglicherweise einem H.C. Artmann Konkurrenz machen könnte: »Es war Sabbat und Markttag, und ich jagte auf Horst, meiner teuren Draisine, durch die Gäßchen und Stiegen, die den Kundigen unverzüglich durch die Quartiere der Architekten, Aasgeier, Arschgeigen und Luftmenschen zum Platz der Käthe Kollwitz zu geleiten wissen. Als ich eintraf, hatte sich schon viel Volks versammelt. Und allen baumelte ein Henkelkörbchen aus Weidengeflecht an der tintenstichverzierten Elle, und man flanierte, daß es eine Art hatte. Schier endlos reihten sich die Stände der Hökerinnen, Maronibrater, Würstlräucherer, Metzger, Käser und Pesto-Pürierer unter dem Prenzlauer Azur des Berges.«
Der Zeilenumbruch im Gedicht schert sich naturgemäß wenig um akustische Repräsentation, deswegen freute mich besonders die komische Lyrik einiger noch recht unbekannter Nachwuchskräfte. Der (gerade 20jährige) Lars Weisbrod zeigt in seinem »Liebesgedicht«, daß sich auch der freie Vers komisch gebrauchen läßt: »Laß uns hinfahren zum Schwäbischen Meer, / Zum Bodensee. / Denn, meine Liebste, wenn es eines gibt, / An dem es uns mangelt, / Eines, das unsere Beziehung braucht, / So ist es doch Konstanz.« Das läßt hoffen.
Ein Tropfen Wermut sei gestattet: Am best-en gefallen hat mir dann doch der (nur übersetzte) Gastauftritt des Amerikaners Tim Carvell. In seinem »kurzen Essay, der die Welt erobert« beendet ein Schriftsteller einen ebensolchen; das gepriesene Schriftstück wird von Hand zu Hand gespielt und sorgt schließlich dafür, daß »die Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße gingen und den Essay laut lasen, unisono. Und die Himmel rissen auf, und die Sonne schien auf die ganze Welt zugleich, und allen Tieren wurde die Gabe der Rede geschenkt, und alle Menschen lernten fliegen, und die Einhörner kehrten zurück. Der Schriftsteller betrachtete das alles und lächelte. ›Das‹, dachte er bei sich, ›ist kein schlechter Anfang.‹«
Daß man mit solcher Verheißung ein Herz der schreibenden Zunft erobert, sei mir bitte nicht nur als altersbedingte Milde der Jugend gegenüber angelastet.
Voller Anteilnahme haben wir das Scheitern Ihrer Ehe mit Liliana, dieser untreuen Tomate, verfolgt. Ernste Sorgen haben wir uns um Sie gemacht, als Sie der Bild am Tag nach den Foto-Enthüllungen gestanden, Sie wüßten nicht, ob Sie noch an die Liebe glauben könnten, bzw. in Ihren unnachahmlich poetischen Worten: »Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich diese Frage nicht beantworten.« Nun freuen wir uns, daß Sie keine zwei Wochen später über das Gröbste anscheinend hinweg sind und der guten alten Himmelsmacht wieder beste Chancen einräumen: »Ich warte auf die nächste große Liebe, die wird kommen, da bin ich sicher«, ließen Sie die Welt am Sonntag quietschvergnügt wissen. »Ich war viermal verheiratet und viermal topverliebt.« Top! In dem WamS-Interview räumten Sie, wohl um Ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu steigern, auch mit dem häßlichen Vorurteil auf, Sie hätten keine liebenswerten Macken. Ganz im Gegenteil: »Ich habe so einen Linienfimmel. Auch im Kühlschrank, die Cola steht hintereinander, die Fanta, die Sprite. Im Schrank die Hemden: Schwarz angefangen, hört bei Weiß links auf, dann wird’s ein bißchen gestreift und kariert. Oder in Hotels stell’ ich erst die Möbel um, ich hab ja Innenarchitekt gelernt.« Nochmals top! Wo immer Sie diesen entzückenden Linienfimmel auch herhaben mögen, Herr Matthäus, eines täte uns freilich interessieren: Wie stellen Sie die Hotelmöbel denn immer um? Die beiden Nachttische exakt 7,32 Meter auseinander? Die Stehlampe elf Meter davor? Gruppieren Sie die Sessel zum Anstoßkreis? Und die Betten markieren schließlich den Strafraum, in dem es spannend wird? Ehrlich? Dann steht einem weiteren tollen Match ja nichts mehr im Wege! Aber denken Sie daran: Die nächste Ehe ist immer die schwerste. Ihre Linienrichter von der
Titanic
Marc Engelhardt, Journalist!
Seine Leser für ferne afrikanische Länder zu interessieren ist schwierig, vor allem, wenn man dies für das konservative Herrenreitermagazin Cicero tut. Sie aber wissen, wie’s geht – nämlich so: »Beide stehen für den Aufbruch in ihrer Heimat. Der eine, schwarzbehaart und stämmig, wurde gerade auf den Namen ›Zoya‹ getauft. Der andere, schmächtig und mit militärisch kurzen Haaren, heißt Paul Kagame. Letzterer ist Ruandas Präsident. Zoya ist ein Berggorilla aus dem Westen des zentralafrikanischen Landes.« Eine schöne Parallele, die Sie da zwischen Affe und Neger gefunden haben. Wir, Engelhardt, haben auch eine Parallele für Sie. Passen Sie auf: Beides befindet sich an Ihrem Körper, das eine innen, das andere mehr außerhalb. Beides erzeugt von Zeit zu Zeit ein Produkt. Und obwohl sich die beiden Produkte zum Verwechseln ähnlich sind, verbergen Sie das eine vor der Welt, während Sie das andere öffentlich machen. Warum eigentlich? Keine Grüße:
Titanic
Betreffs, Möbelhauskette Roller,
der von Dir in Radiowerbespots beworbenen »größten Lagerräumung aller Zeiten«: Wir dachten, daß die schon vor einer Weile die Sowjetarmee erledigt hätte, nachdem zuvor jemand anderes, der auf seinem Gebiet der Größte aller Zeiten war, eben diese Lager eingerichtet und gefüllt hatte. Aber in so großen Lagern, wie Du sie unterhältst, geht natürlich einiges durcheinander, nicht wahr? Erst mal aufräumen, rät
Titanic
Interessant, Merkel,
fanden wir dann aber doch Ihren Kommentar zu den unschönen Begebenheiten bei der Duisburger Love Parade. Überraschend war dabei nicht so sehr Ihre Forderung nach »lückenloser Aufklärung der Umstände«, sondern eher deren Begründung. Besagte Aufklärung der Umstände solle nämlich stattfinden, »damit die Eltern in Zukunft wieder beruhigt sein können, wenn sie ihre Kinder zu solchen Veranstaltungen schicken«. Schicken, Frau Merkel? Wie stellen Sie sich das vor? Etwa so: »Junge, denk dran, daß du noch zur Love Parade mußt! Und vergiß dein Ecstasy nicht wieder«? Oder so: »Nein, du darfst nicht den ganzen Tag Blockflöte üben – was glaubst du denn, wofür ich dir extra das knappe Bikini-Top gekauft habe?« Schon gleich beruhigter:
Titanic
Karl-Heinz Rummenigge!
Die Schmutzaffäre um Ihren Angestellten Franck Ribéry und eine minderjährige Gewerbsmäßige versuchten Sie mit einer Ihrer gewohnt stilsicheren Platitüden zu parieren: »Ich glaube, das ist eine politisch motivierte Geschichte wegen des schlechten Abschneidens der französischen Nationalmannschaft bei der WM. Ribéry soll zum Sündenbock gemacht werden.« Bock und Sünde, nun gut, aber dann noch Abschneiden? Ob Sie Ihren Schützling damit aus der, hüstel, Schußlinie nehmen? Würde an Ribérys Stelle zum Betriebsrat gehen:
Auch Statussymbole haben ihre Tücken. Als ich vor kurzem einen alten Schulfreund traf, informierte er mich – und sein Stolz war nicht zu übersehen –, daß er sich ein neues Auto zugelegt habe. »Ein 3er BMW, rot, tiefergelegt, das volle Programm!« Ich lächelte ihn an und versicherte ihm, wie gut das Auto zu ihm passen würde. Sein eben noch freudestrahlendes Gesicht verwandelte sich in eine empörte Grimasse: »Das paßt überhaupt nicht zu mir!« sagte, ja schrie er fast, und wollte sich gar nicht wieder beruhigen; erst auf meine Frage, warum er es dann gekauft habe, wurde er wieder professionell: »Weil es cool ist!«
Saskia Wagner
Grosses klein gemacht
An den Kneipentresen der Republik werden selten probate Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit entwickelt. Doch mitunter werden heikle Themen durch einen Perspektivwechsel zumindest etwas aufgelockert: »Genitalverstümmelung – na, da hättste bei mir aber ordentlich zu tun!«
Thorsten Mausehund
Ergebnis meines Sehtests
+6,75 Dioptrien auf dem rechten Auge, -6,75 Dioptrien auf dem linken Auge – mathematisch gesehen habe ich das Sehvermögen eines Adlers.
Fabian Schönberger
Sich zwei Namen machen
Große Folien auf der Heckscheibe des Autos vor mir geben bekannt, daß hier »Anja« und »Jana« mitfahren. Grundsätzlich schön, wenn sich Eltern bei der Namensfindung ihrer Töchter um Anagramme bemühen – im Ergebnis aber doch eher »Naja«.
Kim Bagus
Öko, Bio, Sauber
Nicht in der Wohnung hatte ich Ratten, sondern im Zwischenboden unter meinem Schreibtisch. Vielleicht war es auch ein Marder. Ich hatte keine Idee, wie ich das Tier vertreiben sollte. Den Fußboden aufzureißen kam nicht in Frage, Gift auszulegen erst recht nicht. Vom Gift verendet das Tier, und dann zieht mir der Verwesungsgestank in die Wohnung, das ist Streß. Streß war dann aber die Lösung: Marder und Ratten sind Säugetiere und somit streßempfindlich, also legte ich meine Lautsprecherboxen mit dem Gesicht nach unten auf den Boden und schickte über die in allen Frequenzbereichen voll aufgedrehte Stereoanlage an zwei Abenden hintereinander ein paar Mal die Showdown-Sequenz von »The Wild Bunch« in den herrlichen Resonanzraum des Zwischenbodens. Das Tier ist geflohen, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Eventuell muß man bei verschiedenen Tierarten verschiedene Regisseure anwenden (vielleicht wirkt bei Mardern Peckinpah, bei Ratten nur John Woo, oder andersrum), und eventuell muß die Therapie wegen Neubefall einmal im Quartal wiederholt werden, aber sie wirkt. Garantiert.