Der Filminator

Er gilt als »Sohn von Ed Wood«. Er schlägt seine schärfsten Kritiker im Boxring k.o. Jetzt will er einen komischen Film über 9/11 gemacht haben: Dr. Uwe Boll.

 

Dieser Mann führt Krieg. Krieg ­gegen Hollywood (»Verbrecher und Wichser«), Krieg gegen seine Kritiker (»Vollidioten«). Vor allem aber führt er Krieg gegen Computerspiele. Die verfilmt er mit Vorliebe, und zwar so schlecht, daß er ­damit bald die Computerspieleindustrie vernichtet haben wird. Das befürchten zumindest die Fans der Spiele und halten mit ihrer Meinung über Dr. Uwe Boll (42) aus Wermelskirchen bei Köln nicht hinterm Berg: Sie glauben schlicht, er sei der Antichrist (http://www.uwebollisantichrist.com/). Boll selbst ist über die Qualität seiner Filme ganz anderer Meinung: Sein ­neuer Film »Postal« etwa (Deutschlandstart: 18. Oktober), eine Komödie über 9/11 und die Folgen, sei schlicht »einer der besten Filme aller ­Zeiten«: »Einen radikaleren Film zu machen ist un­möglich.« Drunter tut Boll es halt nicht.

 

Denn Boll ist ein Mann der Superlative: Gerade verfilmte er »Dungeon Siege« (mit ­dabei: Burt Reynolds), Budget: fast 60 Millionen Dollar – Rekord für einen deutschen Film. Außerdem kommen binnen Jahresfrist »Seed« und ­»Postal«, »BloodRayne II«, »Tunnel Rats« und »Far Cry«. Sechs Filme in zwölf Monaten: Ist Boll größenwahnsinnig oder kühler Rechner? Sympathischer Irrer oder talentloser Aufschneider? Und warum kennt den meistgehaßten Deutschen des Internets in Deutschland kaum jemand?

Schlagende Argumente gegen schlechte Reviews: »Raging Boll« vor dem Fight gegen Filmkritiker

Filme machen ist Bolls Berufung. Wenn man seine Filme sieht, würde man das allerdings nicht sofort glauben. Seine frühen ­Werke zeugen weniger von cineastischem Talent als von ungebremstem Arbeitseifer, Chuzpe und einer ordentlichen Portion Hybris. Die erste Szene seines Erstlings von 1991 gibt die Richtung vor: Eine Schwarzblende, darüber der Dialog: »Johnboy, schläfst du schon?« – »Halt’s Maul, Nadja, und laß mich in Ruhe wichsen.« Was folgt, ist eine krude Mischung aus satiri­schen Sketchen über das Fernsehprogramm und realen Szenen, in denen etwa ein Obdachloser mit einem Bier-Vergleichstest vorgeführt und unter den Augen des Personals Staub­sauger und Kochtöpfe aus einem Kaufhaus geklaut werden. Das Ganze nennt Boll, obwohl es inhaltlich keinerlei Parallelen gibt, ­»German Fried Movie« und läßt auf das DVD-Cover ­schreiben: »Der legitime Nachfolger von ­›Kentucky Fried Movie‹ – witzig wie ›Die nackte Kanone‹«. Das als Prahlerei zu bezeichnen hieße schamlos untertreiben.

 

Auch eine weitere Szene aus »German Fried Movie« wirft ein Licht auf Bolls Ambitionen, allerdings auf seine kaufmännischen: Der 26jährige läßt sich dabei filmen, wie er bei der Premiere von »Manta, der Film« Regisseur und Produzenten angeht, ob sie es nicht unglaublich fänden, für diesen Film 1,2 Millio­nen Mark Filmförderung bekommen zu haben. Eine Doktorarbeit (»Die Gattung Serie und ­ihre Genres«, 1994) und vier Jahre Regie- und Produzententätigkeit bei Taunusfilm in ­Wiesbaden später, die mit sagenhaft schlechten Kritiken und »Rauswurf« (Playboy 2/2006) endet, kennt Boll schließlich das Rezept, wie es auch ohne Filmförderung (die er nie bekommt) funktionieren könnte, Filme zu finanzieren: nämlich dank deutscher Medienfonds und der ihnen zugrundeliegenden filmfreundlichen Rechtslage. Er legt Beteiligungsgesellschaften (KGs) auf, die in geschlossene Fonds einbezahlen und ihre Verluste, häufig bis zu 100 Prozent im ersten Jahr, komplett von der Steuer absetzen ­können. Machen die Filme keinen Gewinn, erhalten die Kommanditisten sogar noch ihre ­Einlage vom Staat zurück. Ein interessantes, weil risiko­loses Modell für Besserverdienende, die ihre Steuerlast senken wollen und es sich leisten können, 15- bis 25 000 Euro in Filme zu ­stecken (erst 2005 wurde das entsprechende ­Gesetz geändert) – nun braucht Boll nur noch eine Idee, wie man mit möglichst wenig finanziellem Einsatz halbwegs erfolgreiche Filme auf dem Markt plazieren kann.

 

Diese Idee kommt ihm, als er feststellt, daß sehr viele Jugendliche begeisterte Video­spieler sind und sich die Verfilmung ihrer Lieblings-Games durchaus ansehen würden. Nun gibt es kein Halten mehr. Boll sammelt Geld und dreht in Kanada und Osteuropa, weil es da billig ist, mit Stars, die er erst wenige Wochen vor Drehbeginn anfragt. So bekommt er zwar nur die, die gerade keine anderen ­Filme drehen, aber um so billiger: Besser wenig Geld verdient als gar keines. Und oft sind es auch nicht gerade die A-Stars, aber was soll’s: ­Besser mit Jürgen Prochnow, Christian Slater oder einem während der Dreharbeiten dauerbetrunkenen Michael Madsen drehen als ganz ohne prominentes Gesicht. Und wenn die amerikanische Verona Feldbusch Tara Reid zu haben ist: Warum sie nicht als Wissenschaftlerin und Kuratorin eines Museums besetzen? Boll hat sogar Ben Kingsley ­bekommen, der in »BloodRayne« mit genau einem Gesichtsaus-druck einen Vampirfürsten spielt. Warum er in einem Boll-Film mittue, erklärte ­Kingsley später damit, daß er »schon immer mal einen Vampir spielen« wollte. Viel Geld spart Boll auch, weil er einfach alles selbst macht: Regie, Produktion, Verleih und, wenn nötig, auch Drehbuch. Letzteres dürfte zu seinen am ­wenigsten ausgeprägten Talenten gehören.

 

Matt: »Und, verrätst du mir jetzt, wo wir

hinfahren, oder muß ich raten?«

Dawn: »Du weißt doch, meine Familie wohnt in den Wäldern. Tief in den Wäldern.«

Matt: »Tief in den Wäldern? Wie tief?«

Dawn: »Nicht zu tief.«

(»Blackwoods«, 2002)

 

Blair Erickson war einer der beiden ­Autoren von »Alone in the Dark« (2005), in dem Christian Slater als Privatdetektiv auf der Suche nach Vermißten einem überna­türlichen Geheimnis auf die Spur kommt. Im ­Stile H.P. Lovecrafts sollte das gezeichnet sein, das Grauen stets im Dunklen, eher auf ­Spannung denn auf Überwältigung setzend. Leider ­enthielt das ursprüngliche Drehbuch für Bolls Geschmack zuwenig Krawall. »Er wollte, daß wir ›Kämpfe mit großen Kanonen‹ und ›Verfolgungsjagden‹ hinzufügten. Klar, all die ­Sachen eben, die einen Horrorfilm ­gruselig machen. Wir diskutierten mit ihm, daß wir eigentlich eine furchteinflößende ­Story er­zählen wollten, und es wurde immer klarer, daß er überhaupt keine Ahnung ­hatte, wovon er sprach. Sehr wichtig bei unserem Streit waren die Monster; er wollte jede ­Menge ­große, schleimige, hundeartige Computermonster überall in der Geschichte, während wir ­argumentierten, es sei viel gruseliger, die im ­Dunkeln zu lassen – na, ein bißchen wie im Titel angekündigt halt – und Spannung aufzubauen. Zum Glück hat Dr. Boll es dann ­geschafft, seinen loyalen Schreiber­lingen was viel Besseres rauszuleiern als unsere Scheißstory, und alle möglichen essen­tiellen Be­standteile von Horrorfilmen ein­gebaut wie Pforten zu anderen Dimensionen, tussiblonde Ar­chäologinnen, Sexszenen, verrückte Wissen­schaftler, schleimige Hundemonster, spe­zielle Army-Einheiten zum Kampf gegen ­schleimige Hundemonster, ­Tara Reid, ›Matrix‹-Slow-­Motion-Schießszenen und Verfolgungs­jagden.«

 

Es dreht zusammen, was zusammengehört: Boll, Til Schweiger, Udo Kier und Ralf Möller am Set von »Far Cry«

Drei Videospieladaptionen reitet Boll kün­st­lerisch in die Grütze, danach haßt ihn jeder Gamer, der »House of the Dead« (2003), »Alone in the Dark« (2005) oder »BloodRayne« (2006) gezockt und danach als Film gesehen hat. Nicht nur sie pöbeln in Foren, machen sich mit Haßfilmchen auf YouTube (»Kill Boll«) oder eigenen Boll-Haß-Blogs Luft (http://www.bollbashers.com/), auch die Weltpresse ist sich einig: »Boll ist der Beste in dem, was er tut, und was er tut, ist wahrhaftig grauenhafte Filme machen« (Eliza­beth Weitzman, New York Daily News). Nick Schager vom Slant Magazine spricht von »Bolls unbestreitbarer Regentschaft als schlechtester Filmemacher der Welt«. Und Brian Orndorf ­bilanziert auf http://efilmcritic.com/: »Er gibt der ­Formulierung ›vollkommener ­künstlerischer Bankrott‹ eine ganz neue Bedeutung.« Alle drei Filme, noch ein Rekord für einen einzelnen Regisseur, stehen bei http://www.imdb.com/, der größten Filmseite der Welt, momentan auf der ­Liste der 100 schlechtesten Filme aller Zeiten.

Als »die schrägste popkulturelle Veranstaltung, bei der ich je dabei war«, bezeichnet der auf Horrorfilme spezialisierte Journalist Chris Alexander die Schaukämpfe in Vancouver: Er erschreckte Boll, indem er Kunstblut aus seinem Mund sprudeln ließ

Nun reicht es Boll. Daß jemand seine Filme nicht gut findet, damit kann er leben – aber daß IMDB-User seine Filme nun schon schlecht beurteilen, bevor sie überhaupt angelaufen sind, ist zuviel. Genau wie die ewigen schlechten Kritiken im Internet. Boll möchte ­jemanden verprügeln dafür. Und weil er ein, wenn man es positiv formulieren will, sehr direkter Mensch ist, fordert er seine schärfsten Kritiker 2006 heraus: zu einem Boxkampf gegen ihn, den er während der Dreharbeiten zu ­»Postal« in Vancouver PR-trächtig auf die ­Bühne bringen möchte. Fünf Online-Filmkritiker ­sagen zu. Was sie, eigenen Angaben zufolge, allerdings nicht wissen: Boll war zehn Jahre Amateurboxer. Er weiß, wie man Leuten aufs Maul haut. Und tut das auch. Einer kneift, aber vier von fünf Gegner gehen k.o., der letzte ist gerade mal 17 Jahre alt. Nach dem Kampf muß sich einer der Kontrahenten zigfach übergeben und unters Sauerstoffzelt. Boll habe ihnen erzählt, behauptet hinterher Sparringspartner Richard ­Kyanka, es handle sich um einen ­reinen PR-Gag, er werde nicht fest zuschlagen. Boll, der seine am Boden liegenden Gegner verhöhnt, Boxen sei nun mal kein Schachspiel, weist ­diese Darstellung zurück: Er habe von der ­ersten Presseerklärung an gesagt, es ­würden richtige Boxkämpfe werden.

 

»Ein bekannter Komiker aus der US-Comedyserie ›Seinfeld‹ spielt Osama bin Laden«, wirbt Boll im Drehtagebuch zu »Postal«: Larry Thomas, der als »Soup Nazi« in zwei von 175 Folgen »Seinfeld« mitspielt

Von einem Vorbereitungsfight Bolls ­gegen den Regisseur und Produzenten Brooke Burgess (»Broken Saints«) gibt es auf YouTube ein Video, in dem Boll Burgess die ­Fresse poliert.

 

 

Geschnitten hat es niemand ­Geringerer als Til Schweiger, der mit Boll gerade das Erfolgsspiel »Far Cry« abgedreht hat. Schweiger, nun endgültig auf Chri­stian Kahrmanns und Ralf Möllers Niveau angekommen, ist offenbar begeistert von seinem neuen Freund und Regisseur: Auf http://www.bollbashers.com/?p=414 ist eine ellenlange Mail von ihm an alle Bollhasser nachzu­lesen, hier zitiert in dem, was bollbashers.com zufolge Schweigers eigener Duktus sein dürfte:

 

its okay to hate his films,cause at the end of the day it comes down to taste,but what is not okay is to hate him as a person!!got that!?cause you guys out there dont know him as a person and i do!!!and even though I ll repeat myself…uwe is a great man!!!and you guys are not!!!!you are hiding behind your keyboard at home and because you ve got nothing better to do,you write shit about a man that you dont know,some of you guys even want him dead!??!whats wrong with you guys…?dont you have any friends!?why dont you go out and enjoy life?

 

 

Uwe Boll im Kreise seiner Lieben:

Doch Schweigers Appell verhallt ungehört. Boll, einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure im Ausland, wird weiterhin inbrün­stig gehaßt. Das allerdings tut Boll unrecht. Denn so wenig seine Filme an die Vorlagen heranreichen, bei denen er sich regelmäßig bedient (von »Starship Troopers« bis »The ­Matrix«), so wenig sind sie doch Trash. »Das Problem, daß (›Alone in the Dark‹) handwerklich nicht schlecht genug ist, um den wahren Trashfan zu entzücken« (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), kennzeichnet auch die meisten anderen Boll-Filme. Es gibt weiß Gott unbedarfter Zusammengeschustertes, das auf RTL2 oder Vox im Nachtprogramm zu sehen ist. Lediglich »House of the Dead« (2003) ist so plump, daß man ihn durchgehend unfreiwillig komisch finden kann.

 

Ralf Möller als Officer John im »Postal«-Vergnügungspark »Little Germany«. »Kuriose Set-Eskapaden gehören zur Tagesordnung: So fand sich Rock-Titan Meat Loaf in ›BloodRayne‹ in einer Szene inmitten von 20 rumänischen Prostituierten wieder«, kolportiert die <em>Abendzeitung</em>

Mit »Postal« ist »Raging Boll« wieder bei seinen Wurzeln angelangt. Auch »Postal« ist eine Computerspielverfilmung, und zwar von einem, das viele Menschen als unappetitlichstes Spiel aller Zeiten betrachten; in dem man Obdachlose anzünden und hinterher auspinkeln kann. ­»Postal« will Comedy sein, und der Trailer, die erste Szene des Films, läßt durchaus Hoffnung schöpfen:

 

Im Cockpit eines Passagierflugzeugs; am Steuer zwei arabische Terroristen, die sich darüber streiten, wieviele Jungfrauen im ­Paradies auf sie warten werden: 100 oder nur 99? Oder am Ende nur zehn – für beide zusammen? Zu wenig für die Ewigkeit, schließlich werden sie ja nicht ewig Jungfrauen ­bleiben. Die Hijacker beschließen, den Chef anzurufen: Osama bin Laden. Der erklärt ­ihnen, daß er aufgrund verstärkter Terror­tätigkeit derzeit nur für 20 Jungfrauen garantieren könne. Das kommt nicht in Frage; die Terroristen beschließen, dann lieber auf die Bahamas zu fliegen (»Juhu! Bahamaaaas!«) – doch genau in diesem Moment stürmen die Passagiere das Cockpit, die Piloten verlieren die Kontrolle über das Flugzeug und rasen ins World Trade Center.

 

Boll und Burt Reynolds bei den Dreharbeiten zu »Dungeon Siege«: Boll »denkt vor allem ans Geld: so intensiv, daß ihm am Drehort schon mal das Kommando für die nächste Szene verrutscht. Er ruft ›Cash‹ statt ›Action‹«, behauptet die <em>Welt am Sonntag</em>

Eine komische Szene; leider eine von ­wenigen, in denen Timing und Stoßrichtung stimmen. An Bolls prolligem Sinn für Humor hat sich seit »German Fried Movie« nichts ­geändert: Wieder wird gerammelt und gepupst, Frauen in den Mund gekackt, eine Oma und zahlreiche Kinder werden erschossen; am Schluß tanzen bin Laden und George W. Bush Hand in Hand in den nuklearen Holocaust. ­Zuvor sind die Taliban, die versteckt in den USA leben, hinter einer Ladung Kinderspielzeug her, in der Vogelgrippeviren versteckt sind und die eine Endzeitsekte klaut, während die »Krotchy«-Puppen in »Little ­Germany« vorgestellt werden, wo es neben einem Kinderspielplatz-»KZ« auch eine ­»Krankenstation Dr. Mengele« gibt. Provo­kativ und satirisch soll das alles sein, ist aber ­lediglich geschmacklos und öd. Wohl darf man über alles Witze ­machen, man muß es aber auch können.

 

Boll kann es nicht, genausowenig wie ­Horrorfilme; dennoch macht er weiter und ­weiter, vermutlich weil er muß. Er ist besessen vom Kino; es ist sein Leben, zu drehen. Boll ist nicht zu fassen: Er engagiert sich für die ­Rechte der Tiere, beteiligt die Tierrechtsorganisation Peta an den Einnahmen von »Seed« – und verwendet in »Seed« exploitativ echte Aufnahmen von Tierquälerei. Er haßt seine Kritiker und verprügelt sie öffentlich – geht aber danach mit ihnen Kaffeetrinken und läßt sie in seinen Filmen mitspielen. Er ist ein wirklich ­schlechter Regisseur – aber der erfolgreichste, den Deutschland international momen­tan zu bieten hat. Vielleicht gelingt ihm ja irgend­wann zufällig doch noch mal ein Film. Bei seinem Ausstoß ist das nicht auszuschließen.

 

Oliver Nagel

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Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

Titanic unterwegs
28.09.2016 Hanau, Café des Vereins Lebensgestaltung
  Thomas Gsella
28.09.2016 Wiesbaden, Gemeindezentrum
  Gerhard Henschel
29.09.2016 Sassnitz, Grundtvighaus
  Max Goldt
29.09.2016 Madrid, Cafeteria der Deutschen Schule
  Thomas Gsella

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Briefe an die Leser

 Walter Hildebrandt, deutscher Vater!

Als Direktor eines Steinbeis-Instituts für Digitale Verblödung, nein: Innovation in Berlin rauschen einem naturgemäß die krudesten Dinge durchs Hirnkastl. Bei Podiumsgesprächen lassen Sie Ihre Umwelt daran teilhaben und sagen dann solche Sachen: »Ich als deutscher Vater glaube, daß wir die Digitalisierung des Kindes hinkriegen.« Bei der Digitalisierung Ihrer deutschen Brut wünschen wir Ihnen viel Erfolg, wie auch immer Sie sie bewerkstelligen mögen. Techno-Faschisten wie Ihnen würde trotzdem gerne die Stecker ziehen: Titanic

 ARD- und NDR-Moderator Alexander Bommes!

Vom Tagesspiegel gefragt, was Sie von Millionengagen für prominente Ex-Sportler als Kommentatoren im Fernsehen halten und ob Sie selbst schon Millionär seien, sagten Sie: »Wer die Besten haben will, der muß auch etwas dafür bezahlen. Und wenn man die Besten hat, könnte man ja auch stolz darauf sein, wie wäre es damit?« Was ja bedeutet, daß Sie umsonst arbeiten und niemand stolz auf Sie ist!

So viel Ehrlichkeit hätte Ihnen nicht mal für Millionen zugetraut

Ihre Titanic

 Unser Zuhause, Linda-Luise Bickenbach und Bente Schipp,

ist der wichtigste Ort in unserem Leben. Deshalb stimmen wir dem Atlantik-Verlag zu, der in seiner Vorschau die Bewerbung Eures Buches »Sachen richtig machen« mit den richtig gemachten Worten »Unser Zuhause ist der wichtigste Ort in unserem Leben« einleitet. Man denke aber nicht, daß man an ebenjenem Ort sorglos vor sich hinleben und sich wie zu Hause fühlen kann! Vielmehr hat man Sorgen, denn »ständig tauchen neue Fragen auf«, z.B.: »Wie pflege ich meine Handtaschen und Designermöbel? Was ist ein gut sortierter Kleiderschrank?« und die allerwichtigste: »Welche Drinks sollte man unbedingt mixen können?«

Zu fragen, ob sich mit Eurem »lässigen Buch für ein lässigeres Leben« ein breites Publikum erreichen läßt, unterläßt: Titanic

 Und Du, Bäckerei Bosselmann,

forderst uns mittels Deiner Brötchentüten dazu auf, nicht etwa Deine Backwaren, sondern Deine Mitarbeiterinnen zu bewerten. So kann man auf den Tüten wahlweise ankreuzen:

☐ freundlich
☐ normal/nichts besonderes
☐ unfreundlich

Außerdem ist dort noch Platz für »Mein Lob / Meine Reklamation«.

Wirklich schauerlich, sich vorzustellen, wie Leute ihre Brötchentüten zücken, sie mit Kreuzchen und Denunziationen versehen und dann Deiner Marketingabteilung zuschicken, dabei gleich noch schamlos ihre Adreßdaten preisgeben (denn Du willst Dich ja für das kooperative Verhalten »bedanken können«) und denken, sie hätten nun alles richtig gemacht.

Weißt Du, wie wir das finden, Bäckerei Bosselmann? Such’s Dir aus:

☐ unappetitlich
☐ unfein
☐ zum Kotzen Titanic

 Amazon-Boss Jeff Bezos!

Amazon-Boss Jeff Bezos!

Unter der vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage doch seltsam euphorisch klingenden Überschrift »Auf unsere Zukunft« kündigte uns die Welt auf der Titelseite ein ausführliches Interview mit Ihnen an: »Amazon-Gründer Jeff Bezos ist beeindruckend optimistisch. Erfindungen und Innovationen sind seine Leidenschaft. Der Unternehmer hat trotz der schwierigen Zeiten enormes Vertrauen in die Zukunft.« Und weiter: »Die derzeitigen Probleme sind erheblich, sagt er, aber unsere Fähigkeiten sie zu lösen, sind noch viel größer.« Die Menschheit stehe am Anfang einer goldenen Epoche! Damit meinen Sie, Bezos, wohl vor allem die in der Summe gigantischen Fähigkeiten der für Sie rund um die Uhr schuftenden Billigarbeiter, dank deren unermüdlichem Einsatz Sie ja schon einmal die schwer verdiente goldene Nase in ebenjenes glorreiche Zeitalter hineinstecken konnten, gell? Darum vergeben wir drei goldene Sterne für Sie und Ihre Träume von neuen Absatzmärkten – im Weltraum. Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch

 Beim Beobachten der Jugend

Ich bin nicht überrascht, als ein junger Mann im Rewe eine Getränkedose aus der Palette nimmt und in zwei Zügen austrinkt. Schließlich sieht man ja immer öfter angebrochene Tafeln Schokolade, Kekspackungen oder Weinflaschen in Supermärkten. Gestaunt habe ich aber, als er dann ganz selbstverständlich die leere Dose in den Rücknahmeautomaten gesteckt und anschließend den erhaltenen Bon an der Kasse eingelöst hat.

Wolfgang Beck

 Erfassung

Jetzt mal bitte alle die Hände hoch, die nicht gerne an Umfragen teilnehmen.

Ernst Jordan